Projekttage zum Thema „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“
An zwei intensiven Projekttagen beschäftigten sich Schüler*innen des Hermann-Hesse-Gymnasiums in Kreuzberg Ende November mit wichtigen Themen rund um Rassismus, Vielfalt und Courage. Jedes Jahr entwickelt Lehrer Marvin Gasser als Koordinator für das Thema gemeinsam mit dem Kollegium und der Schüler*innenschaft ein umfangreiches Workshop-Programm für die siebten bis zehnten Klassen. Zu den Referent*innen gehören neben Lehrer*innen und externen Expert*innen auch die Schüler*innen selbst. Die Bezirkstickerredaktion war vor Ort dabei und hat in zwei von Schüler*innen angeleiteten Angeboten reingeschnuppert.
In der Mediathek findet ein Workshop der Arbeitsgruppe „Schülizeitung“ statt. Hier sitzen die Jugendlichen an den Computern und arbeiten mit dem web-basierten Design-Programm an der Grafik. Andere schreiben Texte zu Ende oder redigieren Texte der Teilnehmer*innen. Einige Redaktionsmitglieder sitzen an Tischen und schreiben oder zeichnen per Hand letzte Beiträge. Am Whiteboard an der hinteren Wand ist die Aufgabenaufteilung für alle sichtbar niedergeschrieben: Mila und Ben sind Reporter*innen, Lea ist für die Recherche zuständig, Elif kümmert sich um das Layout.
Sonderausgabe der Schülizeitung
Acht Redaktionsmitglieder der Schülizeitung „Die Hermi“ erklären zwölf Schüler*innen aus der 8. Klasse im Workshop, wie man eine Zeitung erstellt. Gemeinsam überlegen sie sich Themen für Beiträge rund um das Thema „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Am zweiten Projekttag sind die Texte, Fotos und Grafiken für die Sonderausgabe zum 20-jährigen Jubiläum im Netzwerk bereits in einer ersten Fassung produziert. Es gibt zum Beispiel Buchtipps, Interviews, Kommentare, Bilderstrecken, Rezepte und einen Bericht von einer Stolpersteinverlegung im Kiez. Insgesamt hat die Projektgruppe 33 Seiten an Inhalt zusammengestellt. Nun geht’s ans Layout und die Schlussredaktion.
Neuntklässlerin Paula finalisiert gerade die Ausgabe. Zusammen mit ihrer Redaktionskollegin hat sie die beiden Landeskoordinatoren für das Netzwerk interviewt. „Die haben so viel geredet. Viel zu viel für unseren Text. Wie kürzen wir das am besten?“
Lehrerin Elena Trauboth, die die Schülizeitungsredaktion betreut, bespricht währenddessen am Computer nebenan mit zwei Schüler*innen die Anforderungen an das Impressum. Sie ist Lehrerin für Deutsch, Ethik und Philosophie sowie Fachbereichsleiterin für Gesellschaftswissenschaften. Die Idee der Schülizeitung gefällt ihr sehr gut: „Damit fördern wir die politische Mündigkeit der Schüler*innen. In ihrer Arbeit in der Redaktion setzen sie sich mit gesellschaftlichen Themen auseinander. Gleichzeitig erfahren sie eine große Selbstwirksamkeit, wenn ihre Texte veröffentlicht und von der Schulgemeinschaft gelesen werden. Auch die jugendlichen Leser*innen erleben, dass ihre Perspektiven wichtig sind und gesehen werden.“
Idee für die Schülizeitung kam von den Jugendlichen selbst
Die Arbeitsgemeinschaft „Schülizeitung“ hat sich im vorigen Schuljahr gegründet. Die erste Ausgabe, die im Juli veröffentlicht wurde, hatte das Schwerpunktthema „70 Jahre Hermann Hesse“ und stellte anlässlich des 70-jährigen Namensjubiläums der Schule die Auseinandersetzung mit dem bekannten Autor und Perspektiven ehemaliger Schüler*innen in den Mittelpunkt. Die Idee zur Schülizeitung kam von den Schüler*innen selbst. „Die Schüler*innen in der Redaktion sind wirklich sehr selbstständig. Sie haben viele gute Ideen und Freude am Schreiben. Ich berate eigentlich nur, wenn es hakt, und unterstütze bei der Planung“, so die betreuende Lehrerin Elena Trauboth.
Normalerweise trifft sich die AG einmal in der Woche für eine halbe Stunde. Der Rest der Aufgaben muss zu Hause oder in Freistunden erledigt werden. Die Projekttage geben der Redaktion mehr Zeit, vor Ort in der Schule fokussiert miteinander an der Zeitung zu arbeiten. „So schafft man schon deutlich mehr“, stellt Elena Trauboth fest.
(Fehlende) Vielfalt im Film
Im zweiten Stock führt derweil die Courage-AG im Kunstraum durch ihren Workshop zu „Vielfalt im Film“. Für die Schüler*innengruppe ist es das erste Mal, dass sie selbst einen Workshop anleiten. Sowohl die Workshopleiter*innen als auch die Teilnehmenden sind in der 8. oder 9. Klasse. Ihre AG-Leitung Deborah Schmidt war zwar an den zwei Workshoptagen dabei, den Ablauf des Programms hatten die Jugendlichen aber selbst in der Hand.
Im Vorfeld hatten sich die AG-Teilnehmer*innen gemeinsam überlegt, welches Thema sie in ihrem Workshop behandeln wollen. „In Filmen werden nach wie vor bestimmte Gruppen mehr gezeigt als andere, vor allem Männer. Aber auch schwarze Menschen sind immer noch weniger zu sehen“, erläutert AG-Mitglied Elmore. Seine Mitschülerin Pauline ergänzt: „Wir haben überlegt, was wir den anderen Schüler*innen zeigen können und fanden das eine coole Idee.“ Zu Beginn des Workshops ließ das sechsköpfige Organisationsteam die Teilnehmenden erstmal sammeln und gab Input. „Wir haben gefragt, was sie dazu wissen und haben dann einige Trailer gezeigt, in denen sehr stereotype Darstellungen vorkamen“, berichtet Miran. Die behandelten Filme waren Harry Potter, Wonderwoman, K-Pop Demon Hunters und Rapunzel. Die Filme hatte die AG gezielt ausgewählt – auch weil diese recht bekannt sind.
„Wonderwoman wird krass sexualisiert. Dabei ist es eigentlich eine tolle starke Frauenrolle. Aber bei ihren Outfits fragt man sich dann: Ist der nicht kalt?“, beschreiben die Schüler*innen die stereotype Darstellung der Superheldin. Ähnlich sei es bei den animierten Figuren des dieses Jahr erschienenen K-Pop-Films. Auch hier hätten die Zeichentrickfiguren unrealistisch lange Beine, große Augen und häufig wenig Kleidung an. Am ersten Teil der Harry-Potter-Filmreihe bemängeln die Schüler*innen ebenfalls fehlende Vielfalt. „Es gibt kaum Frauenrollen – und den Bechdel-Test* würde der Film auch nicht bestehen.“
Workshops von Schüler*innen für Schüler*innen
Nach filmischen Positivbeispielen gefragt, muss die Gruppe etwas überlegen. Nicht allen fällt etwas ein. Luise nennt nach längerem Nachdenken „Der Prinz der Drachen“: „Als ich die Serie entdeckt habe, ist mir erstmals aufgefallen, dass ich vorher nie in einem Film oder einer Serie einen POC-König gesehen hatte.“
Im Anschluss arbeiteten die Schüler*innen im Workshop an Storyboards mit eigenen kleinen Szenen, die sie im Anschluss selbst vorspielten. Lieselotte findet, dass es wichtig sei, diese fehlende Diversität im Film zu beachten. „Viel mehr Leute sollten sich dafür interessieren.“ Ihre Mitschülerin Lilly möchte die Akzeptanz für Vielfalt stärken: „Schule soll ein Safe Space für alle sein. Alle sollen sich hier wohlfühlen.“
Die Organisationsgruppe des Workshops ist zufrieden. Manches hätte besser funktionieren können. Vor allem seien die Teilnehmenden recht schüchtern gewesen und hätten sich wenig gemeldet. Alles in allem sei es aber eine sehr entspannte Stimmung gewesen, sodass die Schüler*innen sich vorgenommen haben, bei den nächsten SOR-Projekttagen wieder einen Workshop anzubieten.
*Der Bechdel-Test prüft, ob ein Film mindestens zwei weibliche Figuren hat, die miteinander sprechen, und ob sich ihr Gespräch um etwas anderes dreht als einen Mann.